Prof. Dr. Ferit Demirkan spricht auf dem 1. Nationalen Lipödem-Kongress über die Evidenzqualität in der Lipödemchirurgie

Ist die Lipödemchirurgie ästhetisch oder funktionell? Notizen vom 1. Nationalen Lipödem-Kongress

Körper6 Min. Lesezeit

Die Lipödemchirurgie zielt nicht auf schlankere Beine, sondern auf weniger Schmerzen, und ist damit eine funktionelle Behandlung. Die Studien dahinter sind jedoch methodisch schwach: keine Randomisierung, nicht validierte Skalen, kurze Nachbeobachtung.

Bei einer Frau mit Lipödem ist eine Operation kein ästhetischer Eingriff. Sie ist eine funktionelle Behandlung: Ziel ist nicht das schlankere Bein, sondern weniger Schmerz, leichtere Bewegung und eine geringere Last für das Gewebe. Diese Unterscheidung ist kein Wortspiel. Sie entscheidet darüber, wie die Patientin empfangen wird, an welche Fachrichtung sie überwiesen wird und wie ihre Behandlung finanziert wird.

Auf dem 1. Nationalen Lipödem-Kongress, der am 6. und 7. Juni 2026 in Ankara stattfand, lautete der Titel des Vortrags von Prof. Dr. Ferit Demirkan genau diese Frage: "Ist die Lipödemchirurgie ästhetisch oder funktionell?" Das Kongressthema war ein multidisziplinärer Zugang zum Lipödem, vom Schmerz bis zur Chirurgie.

Der bislang breiteste Tisch dieser Art in der Türkei

Ausgerichtet wurde der Kongress von der Türkischen Gesellschaft für Lymphödem und Lipödem gemeinsam mit der Türkischen Gesellschaft für Plastische, Rekonstruktive und Ästhetische Chirurgie, unter dem Vorsitz von Prof. Dr. Pinar Borman. Im selben Saal saßen Fachärztinnen und Fachärzte für physikalische Medizin und Rehabilitation, plastische Chirurgen, Gefäßchirurgen, Dermatologen, Ernährungsfachkräfte und Physiotherapeutinnen.

Diese Zusammensetzung ist kein Zufall. Das Lipödem passt nicht in die Grenzen eines einzelnen Fachgebiets: Die Diagnose stellen häufig physikalische Medizin oder Dermatologie, die konservative Behandlung führt die Physiotherapie, die plastische Chirurgie kommt hinzu, wenn eine Operation angezeigt ist, und die Ernährung begleitet den gesamten Verlauf. Genau diese Zersplitterung ist der Grund, weshalb so viele Frauen jahrelang von Tür zu Tür gehen.

Warum die Einordnung praktische Folgen hat

Wird eine Behandlung als ästhetisch eingestuft, fällt sie aus der Liste der medizinischen Notwendigkeiten heraus. Für die Patientin hat das drei konkrete Folgen: Sie liegt außerhalb der Kostenerstattung, ihre Beschwerden werden weniger ernst genommen, und sie hört jahrelang, dass Abnehmen das Problem lösen werde.

Dabei stellt sich eine Frau mit Lipödem nicht wegen des Aussehens ihrer Beine vor. Am häufigsten genannt werden Schmerz bei Berührung, leichtes Auftreten von Blutergüssen, ein im Tagesverlauf zunehmendes Schweregefühl in den Beinen und eine immer kürzere Gehstrecke. Dass der übrige Körper auf Ernährung und Bewegung reagiert, die Beine aber nicht, ist selbst ein Zeichen der Erkrankung und kein Zeichen mangelnder Willenskraft.

Dasselbe Instrument macht daraus nicht dieselbe Operation

Auch in der Lipödemchirurgie wird die Fettabsaugung eingesetzt, und genau hier beginnt die Verwechslung. Zwei Eingriffe mit demselben Instrument sind jedoch nicht dieselbe Operation, wenn Indikation, Gewebe und Ziel sich unterscheiden.

Die ästhetische Fettabsaugung geht von der Unzufriedenheit mit der Körperkontur aus und zielt auf eine Formveränderung, in gesundem Fettgewebe, in begrenzten Arealen, mit kurzer Erholung und einem einmaligen Ergebnis. Die Lipödemchirurgie geht von Schmerz, Berührungsempfindlichkeit und Bewegungseinschränkung aus und zielt auf die Linderung der Beschwerden und den Erhalt der Funktion, in entzündetem und fibrotischem Gewebe, symmetrisch und großflächig, häufig über mehrere Sitzungen, gefolgt von Kompression, Physiotherapie und langfristiger Nachsorge.

Der letzte Unterschied ist der entscheidende. Die Lipödemchirurgie beseitigt die Erkrankung nicht. Indem sie einen Teil des betroffenen Gewebes reduziert, lindert sie die Beschwerden; der Bedarf an konservativer Behandlung, Kompression und regelmäßiger Bewegung besteht nach der Operation genauso weiter wie davor.

Wo die Evidenz schwach ist

Der meistdiskutierte Teil des Vortrags betraf nicht die Frage, ob die Operation hilft, sondern die Methodik der Studien, die das behaupten. Die Literatur zur Lipödemchirurgie wächst im Umfang und bleibt im Studiendesign schwach.

Jeder der fünf Punkte auf der Folie hat eine praktische Bedeutung für die Patientin.

  • Keine Randomisierung. Da operierte und nicht operierte Patientinnen nicht zufällig zugeteilt wurden, lässt sich schwer trennen, welcher Anteil der Besserung tatsächlich auf die Operation zurückgeht.
  • Die verwendeten Skalen sind nicht validiert. Die meisten Studien nutzen Messinstrumente, die für das Lipödem nicht validiert sind; Ergebnisse verschiedener Studien lassen sich deshalb nicht miteinander vergleichen.
  • Die meisten Messungen beruhen auf Selbstauskunft. Skalen wie VAS, NRS und Likert messen den Schmerz so, wie die Patientin ihn angibt. Das ist wertvoll, aber es sind keine objektiven Daten.
  • Die Nachbeobachtung ist kurz. Bei einer chronischen und fortschreitenden Erkrankung sagen Ergebnisse nach sechs Monaten oder einem Jahr wenig über die Dauerhaftigkeit aus.
  • Die meisten Fallserien stammen aus einem einzigen Zentrum. Das Ergebnis eines Teams spiegelt dessen Erfahrung wider; eine allgemeingültige Erwartung entsteht daraus nicht.

Heißt das, man sollte sich nicht operieren lassen?

Nein. Schwache Evidenz bedeutet nicht, dass es keinen Nutzen gibt; sie bedeutet, dass die Größe dieses Nutzens noch nicht verlässlich gemessen wurde. Es gibt eine konsistente klinische Beobachtung, dass Schmerz und Bewegungseinschränkung bei geeignet ausgewählten Patientinnen abnehmen. Was fehlt, sind Studien, die diese Beobachtung mit solider Methodik bestätigen.

Verändert wird dadurch Folgendes: Ein Vorgehen, das der Patientin genaue Zahlen verspricht, eine feste Besserungsrate nennt oder ein dauerhaftes Ergebnis in einer einzigen Sitzung in Aussicht stellt, wird von dieser Literatur nicht gestützt. Ein ehrliches Gespräch ist eines, das auch die Unsicherheit benennt.

Fragen, die vor der Entscheidung sinnvoll sind

Für Menschen, die eine Lipödemoperation erwägen, ergaben sich aus der Diskussion auf dem Kongress diese praktischen Punkte.

  • Wurde die Diagnose durch eine klinische Untersuchung gestellt oder nur nach dem äußeren Erscheinungsbild?
  • Wurde ein Lymphödem-Anteil beurteilt? Beides kann gleichzeitig bestehen und verändert die Planung.
  • Wurde eine konservative Behandlung versucht, und mit welchem Ergebnis?
  • Wie viele Sitzungen sind geplant, und welche Areale sind vorgesehen?
  • Wer führt nach der Operation das Kompressions- und Physiotherapieprogramm durch?
  • Welche Beschwerde soll sich in welchem Ausmaß bessern, und welche Beschwerde bleibt voraussichtlich bestehen?

Die letzte Frage ist die aussagekräftigste. Ein Plan, der auch benennen kann, was sich nicht bessern wird, ist verlässlicher als einer, der nur beschreibt, was besser wird.

Verfasst von Prof. Dr. Ferit Demirkan, Plastische, Rekonstruktive & Ästhetische Chirurgie

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